Einige der ersten modernen
psycho-physiologischen Forscher, die die Kommunikation zwischen Herz und
Gehirn untersuchten, waren John und Beatrice Lacey. In ihren Forschungen in
den 1960er und 70er Jahren beobachteten sie, dass diese Kommunikation unsere
Wahrnehmung und Reaktion auf die Welt signifikant beeinflusst.
Eine Generation
bevor dieLa-ceys mit ihren Forschungen begannen, hatte Walter Cannon gezeigt,
dass emotionale Veränderungen durch Änderungen in der Herzrate, dem Blutdruck,
der Atmung und der Verdauung begleitet werden.
Aus Cannons Sicht werden wir in einem »erregten« Zustand
durch den Sympathikus
angetrieben zu kämpfen oder zu fliehen.
Der Parasympathikus, der beruhigende
Teil des Nervensystems, sorgt für Ruhe in entspannten Situationen. Nach dieser
Ansicht werden das autonome Nervensystem und alle physiologischen Reaktionen
entsprechend den Gehirnreaktionen auf einen Stimulus gesteuert.
Man vermutete,
unsere inneren Systeme werden aktiviert, wenn wir erregt sind, oder herunter
gefahren, wenn wir uns ausruhen, wobei das Gehirn dabei die Kontrolle über den
gesamten Prozess hätte.
Die Laceys bemerkten, dass dieses
einfache Modell die physiologischen Prozesse nur teilweise korrekt abbildet.
Im weiteren Verlauf ihrer Forschung fanden sie heraus, dass das Herz seine
ganz eigene Logik zu haben schien, die häufig von der Anweisung des autonomen
Nervensystems abweicht.
Das Herz schien Botschaften an das Gehirn zu
schicken, das diese nicht einfach nur verstand, sondern sogar befolgte.
Noch
verblüffender war die Erkenntnis, dass diese Botschaften das Verhalten einer
Person beeinflussen konnten. Kurz darauf entdeckten Neurophysiologen eine
bestimmte neuronale Bahn, durch die die Eingaben des Herzens ins Gehirn die
elektrische Aktivität des Gehirns »verringern« oder »verstärken« konnten.
1974
arbeiteten die französischen Forscher Gahery und Vigier mit Katzen. Sie
stimulierten den Vagusnerv, der viele Signale des Herzens zum Gehirn leitet.
Dabei fanden sie heraus, dass die elektrische Aktivität des Gehirns auf die
Hälfte der normalen Rate reduziert war.
Zusammenfassend deuten die Ergebnisse
darauf hin, dass das Herz und das Nervensystem nicht einfach den Anweisungen
des Gehirns folgen, wie Cannon einst gedacht hatte.
Neurokardiologie: Das Gehirn im Herzen
Eine kleine Gruppe von
kardiovaskulären Forschern und eine Gruppe von Neuro-physiologen schlossen sich
den Laceys an, um Gebiete von gemeinsamem Interesse zu erforschen. Dies war der
Beginn einer neuen Disziplin, der Neurokardiologie, die seitdem wichtige
Einsichten in das
Vervensystem des Herzens liefert und
zeigt, wie das Gehirn und das Herz durch das Nervensystem miteinander kommunizieren.
Nach umfangreichen Forschungen führte J. Andres Armour, einer der Pioniere der
Neurokardiologie, 1991 das Konzept des eigenständig arbeitenden »Herzgehirns«
ein. Seine Arbeiten verdeutlichten, dass das Herz ein komplexes intrinsisches
Nervensystem hat, das weit genug ausgebildet ist, um es als ein »kleines
Gehirn« auszuweisen. Das Gehirn des Herzens ist ein kompliziertes Netzwerk verschiedener
Arten von Neuronen, Neu-rotransmittern, Proteinen und Support-Zellen, wie sie
im Gehirn gefunden werden. Sein ausgeklügelter Kreislauf befähigt es,
unabhängig vom kranialen Gehirn zu funktionieren – zu lernen, zu erinnern, ja
sogar zu fühlen und zu spüren. Die neuronalen Verbindungen zwischen Herz und
Gehirn zeigt Figur 2.
Die neuronalen Kommunikationswege zwischen Herz und
Gehirn
Das herzeigene Nervensystem besteht aus Ganglien, die lokale neuronale Schaltkreise verschiedenenTyps sowie sensorische Neuriten enthalten, die über das ganze Herz verteilt sind. Die Ganglien verarbeiten und integrieren die einfließenden Informationen des äußeren Nervensystems und der sensorischen Neuriten innerhalb des Herzens. Die äußeren kardialen Ganglien im Brustraum haben direkteVerbindungen zu Organen wie der Lunge und der Speiseröhre und sind über das Rückenmark indirekt mit vielen anderen Organen verbunden, einschließlich der Haut und der Arterien. Die aufsteigenden, vom Herz zum Gehirn fließenden para-sympathischen Informationen laufen durch denVagus-nerv zur Medulla, wobei sie das Ganglion nodosum passieren. Die sympathischen aufsteigenden Nerven verbinden sich zunächst mit den äußeren kardialen Ganglien, dann mit dem Spinalganglion und dem Rückenmark. Nachdem die Signale die Medulla erreicht haben, bewegen sie sich durch die subkortikalen Bereiche (Thalamus, Amygdala etc.) und danach erreichen sie die kortikalen Bezirke (Großhirnrinde).
Das Herz hat sein eigenes
Nervensystem, das Informationen unab-
hängig vom Gehirn oder
Nervensystem steuert und verarbeitet
Das Nervensystem des Herzens beinhaltet ungefähr 40.000 Neuronen, genannt sensorische Neuriten, die zirkulierende Hormone und Neurochemika-lien aufspüren sowie Herzraten und belastende Informationen erkennen. Hormonelle, chemische und physikalische Informationen werden durch das Nervensystem des Herzens in neurologische Impulse übersetzt und vom Herzen durch verschiedene aufsteigende Nervenbahnen zum Gehirn geleitet. Durch diese Nervenbahnen werden auch Schmerzsignale und andere Sinnesempfindungen zum Gehirn gesendet. Die Nervenbahnen treten durch die sogenannte »Medulla«, die sich im Stammhirn befindet, ins Gehirn ein Die Signale regulieren die vielen Signale des autonomen Nervensystems, die vom Gehirn zum Herzen, den Blutadern und anderen Drüsen und Organen fließen. Jedoch bewegen sie sich auch in die oberen Zentren des Gehirns, wo sie vielleicht die Wahrnehmung, die Entscheidungsfindung und andere kognitive Prozesse beeinflussen.
Dr. Armour beschreibt das Gehirn-und Nervensystem als ein parallel arbeitendes Verteilungssystem, bestehend aus interagierenden neuronalen Verarbeitungszentren, die über den ganzen Körper verteilt sind. Das Herz hat sein eigenes in-trinsisches Nervensystem, das Informationen unabhängig vom Gehirn oder Nervensystem steuert und verarbeitet. Dies erklärt, warum eine Herztransplantation überhaupt funktionieren kann: Normalerweise kommuniziert das Herz mit dem Gehirn durch die Nervenfasern,
die durch den Vagusnerv und die Wirbelsäule verlaufen. Bei einer Herztransplantation verbinden sich diese Nervenverbindungen für eine lange Zeit nicht – wenn sie sich überhaupt jemals verbinden; jedoch kann das transplantierte Herz in seinem neuen Heim durch die Kapazität seines intakten, intrinsischen Nervensystems trotzdem funktionieren
Die mentalen und emotionalen Systeme
Die Betrachtung von menschlichem Denken
und Fühlen bzw. von Intellekt und Emotion als unterschiedliche Funktionen geht zurück bis in die griechische Antike. Diese beiden Aspekte der Seele wurden
bei den Griechen oftmals kontrastiert. Sie befanden sich ihrer Ansicht nach in
einem ständigen Kampf um die Kontrolle über die menschliche Psyche. Aus Platons
Sicht waren Emotionen wie »wilde Pferde«, die durch den Intellekt »gezügelt«
werden mussten.
Natürlich sind Emotionen nicht immer
nur negativ und verhalten sich nicht immer widersprüchlich zum rationalen
Denken.
Der Neurologe Antonio Damasio
hebt die Rationalität der Emotionen in seinem Buch »Descartes’ Irrtum« hervor,
indem er die Wichtigkeit von Emotionen bei der Entscheidungsfindung aufzeigt.
Er verweist auf Praxisfälle von Patienten mit Gehirnschäden in den Bereichen
des Gehirns, die die emotionalen und kognitiven Systeme verbinden. Wie Damasio
darstellt, können diese Patienten nicht mehr problemlos im täglichen Leben
agieren, obwohl ihre mentalen Fähigkeiten perfekt funktionieren.
In dem
Bestseller »Emotionale Intelligenz« vertritt -Daniel Goleman die Auffassung, dass der gängige Blick auf die menschliche
Intelligenz, der vor allem auf den Verstand oder Intellekt bezogen ist, viel
zu eng ist. Dieser enge Intelligenzbegriff ignoriert seiner Meinung nach,
dass es eine Reihe menschlicher Fähigkeiten gibt, die gleich viel, wenn nicht
weit mehr Einfluss auf unseren Erfolg haben. Er verweist auf einen
vernachlässigten Bereich der Intelligenz, die so genannte »Emotionale Intelligenz«.
Diese baut auf Qualitäten wie Selbst-Bewusstsein, Motivation, Altruismus und
Leidenschaft. Gemäß Goleman zeichnen sich Menschen, die erfolgreich die
Herausforderungen des Lebens meistern, weit mehr durch einen hohen »EQ«
(Emotional Quotient) als einen hohen »IQ« (Intelligenz Quotient) aus.
Die aktuellen Forschungen in den
Neurowissenschaften bestätigen, dass Emotion und Kognition am besten als
getrennte, jedoch wechselseitig interagierende Systeme gedacht werden können,
die jeweils für sich mit einer einzigartigen Intelligenz ausgestattet sind.
Unsere Forschung zeigt, dass der Schlüssel zur erfolgreichen Integration von
Verstand und Gefühl darin liegt, die Kohärenz der beiden Systeme zu erhöhen und
sie in miteinander übereinstimmende Schwingungsphasen zu bringen.
Mit
Kohärenz ist ein geordnetes harmonisches Funktionieren gemeint. Obwohl die
wechselseitige Kommunikation zwischen dem kognitiven und emotionalen System
fest miteinander verdrahtet ist, ist die Anzahl der neurona-len Verbindungen,
die vom emotionalen Zentrum zum kognitiven gehen, größer als umgekehrt. Das
erklärt zum Teil die enorme Macht der Emotionen im Verhältnis zum Denken. Wenn
eine Emotion erst einmal in der Erfahrung verankert ist, ist sie ein
machtvoller Motivator für unser zukünftiges Verhalten und beeinflusst unsere
laufenden Handlungen, Einstellungen und die langfristigen Prägungen.
Emotionen
können alltägliche Ereignisse leicht aus der Wahrnehmung verdrängen, wohingegen
Gedanken die Gefühle nicht so einfach von der inneren Landkarte zu vertreiben
vermögen.
Die Erfahrung zeigt uns, dass die tiefgreifendsten Gedanken
diejenigen mit der größten emotionalen Kopplung sind. Gerade weil Gefühle einen
so mächtigen Einfluss auf unsere
kognitiven Aktivitäten haben, haben wir an unserem Institut entdeckt, dass
es am effektivsten ist, auf der emotionalen Ebene anzusetzen, um mentale Muster
und Prozesse zu verändern.
Unsere Forschung zeigt, dass die
Verwendung bestimmter Werkzeuge und Techniken zur Steigerung der Kohärenz im
emotionalen System gleichzeitig auch den Verstand in ein kohärenteres System
bringen kann.
In unserer langen Praxiserfahrung konnten wir teilweise
beträchtliche Unterschiede zwischen dem Grad der Kohärenz der Emotionen und
des Verstandes feststellen. Ein nicht phasengleicher Zustand zwischen beiden
Systeme führt zu einer Reduzierung des gesamten Bewusstseins.
Umgekehrt führt
ein phasengleicher Zustand zu einem erweiterten Bewusstsein. Diese Interaktion
von Emotionen und Verstand beeinflusst uns auf mehreren Ebenen: Unser
Vorstellungsvermögen, unsere Aufnahmefähigkeit, unsere Reaktionszeit, unsere
mentale Klarheit, unsere Gefühlszustände und unsere Empfindsamkeit sind alle
durch den Grad mentaler und emotionaler Kohärenz beeinflusst.
Die Rolle des Herzens
bei steigender
psycho-physiologischer Kohärenz
Zusammenfassend lassen die
Ergebnisse der hier vorgestellten Studien darauf schließen, dass Individuen
mehr bewussten Einfluss auf die Kohärenz innerhalb und zwischen ihren mentalen
und emotionalen Systemen haben können, als man für gewöhnlich annehmen würde.
Das kann wiederum zu größerer physiologischer Kohärenz führen, die sich als
ein geordnetes und harmonisches Funktionieren des Nerven-, Kardiovaskulär-,
Hormon-und Immunsystems zeigt. Wir nennen den daraus resultierenden Zustand
»psy-cho-physiologische Kohärenz«, da er einen hohen Grad von Balance, Harmonie
und Synchronisation innerhalb und zwischen kognitiven, emotionalen und
physiologischen Abläufen beinhaltet.
Untersuchungen haben gezeigt, dass
dieser Zustand in Zusammenhang mit hoher Leistung, reduziertem Stress,
erhöhter emotionaler Stabilität und zahlreichen Vorteilen für die Gesundheit
steht. Am »Institute of HeartMath« haben wir herausgefunden, dass das Herz eine zentrale Rolle
bei der Entstehung emotionalen Erlebens und somit bei der Schaffung
psycho-physiologischer Kohärenz spielt.
Aus einer systemischen Perspektive
ist der menschliche Organismus ein riesiges, multi-dimensionales
Informationsnetzwerk miteinander kom- munizierender Subsysteme, in dem mentale
Prozesse, Emotionen und physiologische Systeme untrennbar ineinander verwoben
sind. Während wir einst glaubten, unsere Wahrnehmungen und Emotionen wären
vollkommen durch die Reaktion unseres Gehirns auf einen äußeren Stimulus
determiniert, können wir nun genauer beschreiben, wie unsere Wahrnehmung und
unsere emotionalen Erlebnisse als ein Gemisch von Stimuli entstehen, die das
Gehirn von äußeren Faktoren erhält und die dem Gehirn durch innere Empfindungen
oder Rückkoppelungen der Körpersysteme und -organe übermittelt werden.
Folglich müssen das Herz-, Gehirn-, Nerven-, Hormon-und Immunsystem alle als
fundamentale Kompo- nenten des dynamischen und interaktiven
Informationsnetzwerkes betrachtet werden, das unser gegenwärtiges emotionales
Erleben bestimmt.
Die
umfangreiche Arbeit des berühmten Gehirnforschers und Neurochirurgen Dr. Karl
Pribam hat zum erweiterten Verständnis des emotionalen Systems beigetragen.
In Pribams Modell bilden vergangene Erfahrungen ein Set von gewohnten Mustern
in uns, die in den neu-ronalen Netzwerken gebildet und erhalten werden.
Informationseingaben der äußeren und inneren Umgebung an das Gehirn tragen zum Erhalt dieser Muster bei.
Innerhalb des Körpers treten
somit Prozesse und Interaktionen auf verschiedenen funktionalen Ebenen auf,
die ständig rhythmische Eingaben an das Gehirn senden, an die sich dieses dann
gewöhnt. Diese Eingaben reichen von der rhythmischen Herzaktivität über unsere
Verdau-ungs-, Atmungs- und Reproduktionszyklen bis hin zu dem beständigen Zusammenspiel
von Botenstoffen, die von unseren Körperzellen produziert werden.
Diese Eingaben
an das Gehirn werden in neuronale und hormonelle Muster übersetzt und ständig
vom Gehirn überwacht, um unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle und unser
Verhalten zu ordnen. Bekannte Muster der äußeren Umgebung und des inneren
Systems werden in den neuralen Kreislauf eingeschrieben und formen einen
stabilen Hintergrund bzw. ein stabiles Referenzmuster, mit dem neue
Informationen oder Erfahrungen verglichen werden. Nach diesem Modell führen
externe oder interne Eingaben, die ausreichend von den gewohnten
Referenzmus-tern abweichen, zur Erzeugung von bestimmten Gefühlen und
Emotionen.
Die zugrunde liegenden physiologischen
Muster, an die sich unser Gehirn und unser Körper gewöhnt haben, werden durch
unsere Erfahrungen und unsere Art, wie wir die Welt wahrnehmen, erschaffen und
bestärkt. Eine Person zum Beispiel, die in einer Umgebung lebt, die immer
Gefühle von Ärger oder Angst auslöst, wird sich höchst wahrscheinlich an diese
Gefühle gewöhnen, und auch das Nerven-und Hormonsystem wird sich diesen Umtänden entsprechend ausrichten. Im
Gegensatz dazu wird sich ein Individuum, dessen Erfahrung von Gefühlen der Sicherheit,
Liebe und Fürsorge geprägt ist, an die mit diesen Gefühlen verbundenen
physiologischen Muster gewöhnen.
In unserer inneren Umwelt tragen
letztlich viele verschiedene Organe und Systeme zu den Mustern bei, aus denen
unser emotionales Erleben resultiert. Jedoch, so hat die Forschung gezeigt,
spielt das Herz dabei eine äußerst wichtige Rolle. Das Herz ist der mächtigste
Erzeuger rhythmischer Informationsmuster im menschlichen Körper.
Wie wir
zuvor gesehen haben, funktioniert das Herz als ein ausgeklügeltes
Informationsverarbeitungszentrum; es besitzt ein weit stärker ausgebildetes
Kommunikationssystem mit dem Gehirn als die meisten anderen Hauptorgane des
Körpers.
Mit jedem Herzschlag pumpt das Herz nicht nur Blut, sondern
transportiert auch komplexe Muster neurologischer, hormoneller oder
elektromagnetischer Informationen zum Gehirn und durch den gesamten Körper. Als
ein entscheidender Knotenpunkt in vielen Interaktionsprozessen des Körpers hat
das Herz eine einzigartig Stellung inne, indem es ein mächtiger Eintrittspunkt
in das Kommunikationsnetzwerk ist, das Körper, Geist, Emotionen und Seele
verbindet.
»Da emotionale Prozesse schneller arbeiten können als der Verstand, benötigt
es eine Kraft, die stärker ist als der Verstand um die Wahrnehmung zu bündeln,
den emotionalen Kreislaufzu überwinden und uns dafür mit intuitiven Gefühlen
zu versorgen. Es braucht die Kraft des Herzens.«
Doc Childre,
Gründer, Institute ofHeartMath
Zahlreiche
Experimente haben nun demonstriert, dass die Botschaften, die das Herz dem
Gehirn sendet, unsere Wahrnehmung, mentalen Prozesse, Gefühlszustände und unsere Leistung in tief-
greifender Weise beeinflusst. Unsere Forschung legt nahe, wie die Muster der
Herzfrequenzvariabilität zeigen, dass das Herz Informationen relativ zu unserem
emotionalen Zustand an das kardiale Zentrum im Stammhirn (Medulla) schickt,
das wiederum den intralaminären Kern des Ihalamus und die Amygdala versorgt.
Das sind Bereiche, die direkt mit der Basis der Frontallappen verbunden sind,
die wichtig für die Entscheidungsfindung und die Integration von Vernunft und
Gefühlen sind. Der intralaminäre Kern sendet Signale zum Rest des Kortex und
hilft kor-tikale Aktivitäten zu synchronisieren. Er stellt damit einen Weg und
Mechanismus zur Verfügung, der erklärt, wie die Herzrhythmen
Gehirnwellenmuster verändern und dadurch die Gehirnfunktion modifizieren
können.
Unsere Daten zeigen, dass die zum Gehirn
gesendete neuronale Information die kortikale Funktion erleichtert, wenn die
Herzrhythmusmuster kohärent sind. Dieser Effekt wird oft als erhöhte mentale
Klarheit, verbesserte Entscheidungsfindung und gesteigerte Kreativität
erfahren. Zusätzlich scheint eine kohärente Eingabe vom Herzen die Erreichung
eines positiven Gefühlszustandes zu erleichtern. Das erklärt vielleicht, warum
die meisten Menschen Liebe oder andere positive Gefühle mit dem Herzen
verbinden und warum viele Menschen diese Emotionen tatsächlich im Bereich des
Herzens »fühlen« oder »empfinden«. Auf diese Weise ist das Herz aufs Engste bei
der Entstehung psycho-physiologischer Kohärenz beteiligt.
Untersuchungen haben gezeigt, dass
die aufsteigenden neurologischen Signale des Herzens direkt die Aktivität der
Amygdala und des angeschlossenen Kerns, einem wichtigen emotionalen Verarbeitungszentrum,
beeinflussen. Die Amygdala ist das zentrale Gehirnzentrum zur Koordination von Verhaltens-,
immunologischen und neuroendokrinen Reaktionen auf äußere Bedrohungen. Es
dient gleichzeitig als Speicher von emotionalen Erinnerungen innerhalb des
Gehirns.
Bei der Einschätzung der Umgebung vergleicht die Amygdala eingehende
emotionale Signale mit den gespeicherten emotionalen Erinnerungen. Auf diese
Weise fällt sie unmittelbare Entscheidungen über den Gefahrengrad der
eingehenden sensorischen Information. Aufgrund ihrer intensiven Verbindungen
mit dem Hypothalamus und anderen autonomen Nervenzentren ist sie in der Lage,
auf die Nervenbahnen zuzugreifen, um das autonome Nervensystem und die
emotionale Reaktion zu aktivieren, bevor das höhere Gehirnzentrum die sensorische
Information erhält.
Eine Funktion der Amygdala ist auch
zu bestimmen, an welche Muster sich das Gehirn gewöhnt. Wenn die Rhythmusmuster,
die vom Herz erzeugt werden, gestört und inkohärent sind – besonders in den
ersten Lebensjahren – lernt die Amygdala Disharmonie als die ihr vertraute
Basis. Das führt dazu, dass wir uns in Inkohärenz »zu Hause« fühlen, was das
Lernen, die Kreativität und die emotionale Balance beeinträchtigen kann. Mit
anderen Worten fühlen wir uns nur »behaglich« mit internen Inkohärenzen, die
aber faktisch vollkommen unbehaglich sind.
Auf der Basis dessen, was für die
Amygdala vertraut geworden ist, vermittelt der frontale Kortex die jeweils
entsprechenden Verhaltensweisen. So unterliegen und beeinflussen unterbewusste
emotionale Erinnerungen und damit verbundene physiologische Muster unsere
Wahrnehmungen, emotionalen Reaktionen, Denkprozesse und unser Verhalten.
Durch
unsere Forschungsergebnisse können wir zeigen, dass diese emotionalen
Erinnerungsstränge durch Herz-zentrierte Eingriffe mit neuen Mustern versehen
werden können, die ermöglichen, dass Kohärenz das »vertraute« und behagliche
Stadium wird.
Zusammengefasst zeigt sich aus unserem
jetzigen Verständnis des elaborierten Rückkoppelungsnetzwerkes zwischen dem
Gehirn, dem Herzen sowie den mentalen und emotionalen Systemen, dass der
jahrhundertealte Kampf zwischen Intellekt und Emotion nicht durch den Gewinn der Dominanz des Verstandes über die Emotionen gelöst wird, sondern vielmehr durch eine steigende harmonische Balance zwischen den zwei Systemen – einer Synthese, die einen größeren Zugang zu der vollen Bandbreite unserer Intelligenz bietet.
Aus
Platons Sicht waren Emotionen wie »wilde Pferde«,
die durch den Intellekt »gezügelt« werden mussten.
Neuste Forschung zeigt,
dass der Schlüssel zur
erfolgreichen Integration vonVerstand und Gefühl darin liegt,
die Kohärenz der beiden Systeme zu erhöhen
Werkzeuge, die die
menschliche Leistung steigern
Angesichts des weltweit steigenden Stress-levels werden sich die Menschen
nicht nur über die Langzeitauswirkungen von Stress bewusst, sondern auch
darüber, wie nicht gemeisterte Emotionen die Qualität des menschlichen Lebens
einschränken sowie die mentale Klarheit, Produktivität, Anpassungsfähigkeit
und den Genuss des Lebens begrenzen. Zur gleichen Zeit haben die meisten von
uns erfahren, wie positive emotionale Zustände wie Wertschätzung und Fürsorge
unsere Antriebskraft steigern und zu einem kohärenten Fluss im Leben beitragen
und unsere Effizienz und Effektivität signifikant erhöhen. Doc Childre, der
Gründer des »Institut of HeartMath«, hat vor Jahren verstanden, dass der
Schlüssel zur Verbesserung der menschlichen Leistung ein simples, praktikables
System sein würde, das Menschen helfen würde, diese weit kohärenteren inneren
Zustände mit größerer Kontinuität, sogar im Angesicht von äußerem Stress, zu erreichen.
Durch langjährige
Forschung hat Childre entwickelt, was nun als »Herz-Mathematik-System« bekannt
ist: ein Set von praktischen Techniken um Menschen zu helfen, Stress und
negative Emotionen im Moment ihres Auftretens umzuwandeln, die Leistung zu
verbessern und dieLebensqualität zu steigern.
Anfänger trainieren fünf Schritte, die zwar simpel erscheinen mögen, aber geübt werden müssen wie Tonleitern am Klavier. Diese Schritte lauten:
1. Erkennen Sie den Stress, und nehmen Sie eine kurze Auszeit.
Jeder Mensch reagiert anders. Sobald typische Anzeichen auftreten, wie Kopfschmerzen oder Magendrücken, sollte man in Gedanken die Stopptaste drücken. „Wer Regisseur seines eigenen Films sein will, muss einen Schritt zurücktreten und das gesamte Bild betrachten“, empfiehlt McCraty.
2. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit bewusst auf die Herzgegend.
Konzentrieren Sie sich auf Ihre Mitte, stellen Sie sich vor, mit dem Herzen zu atmen und Energie hineinfließen zu lassen. Mit dieser – vielleicht etwas seltsam klingenden – Aufgabe soll der Gestresste dem Gefühlswirrwarr sämtliche Kraft entziehen und Klarheit im Kopf schaffen.
3. Erinnern Sie sich nun an ein positives, fröhliches Gefühl oder an eine besonders schöne Zeit.
Versuchen Sie, diese noch einmal zu erleben. Für den Anfänger mag dies eine Herausforderung darstellen, denn er muss seinen aktuellen Ärger vergessen und an eine Situation denken, die Gefühle wie Freude, Wertschätzung, Mitgefühl oder Liebe weckt.
4. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Herzgegend, und fragen Sie sich mit all Ihrem gesunden Menschenverstand, welche Reaktion angebracht ist.
Das Herz speichere tief empfundene positive Gefühle und Erlebnisse, so die Theorie. Wer diese erlernten Muster nutze, könne auch in schwierigen Situationen „gute Entscheidungen“ treffen.
5. Hören Sie auf die Antwort des Herzens.
Diese könnten erstaunlich einfach sein, oder sie bestätigen die eigene Intuition. In der Mehrzahl der Fälle erlebt der Übende nun eine positive Wahrnehmung.
Das ist alles?
Manchen Menschen mag die Übung wie eine simple Kombination aus Visualisierung, Atemtechnik und fernöstlichem Zauber erscheinen. Das HeartMath-Institut jedoch will Skeptiker mit Beweisen überzeugen. Teilweise in Zusammenarbeit mit der renommierten Stanford-Universität haben Wissenschaftler Nutzen und Wirkungsweise der Herzintelligenz-Methode über mehr als zehn Jahre erforscht.
Diese Studien wurden weltweit auf Medizinkongressen vorgestellt und in Fachmagazinen veröffentlicht, wie in „The American Journal of Cardiology“, „The American College of Cardiology“, „Stress Medicine“ oder im „Journal of Advancement in Medicine“. „Immer mehr Ärzte und Psychologen in Amerika, Kanada und Australien arbeiten mit dieser Technik“, sagt Direktor McCraty. Lizensierte Trainer unterrichteten in mehr als 500 Schulen, auf 35 Stützpunkten der US-Armee und in Konzernen wie Shell, Motorola oder Hewlett-Packard.
Als „bahnbrechend“ lobt Gerhard Werner, einst Dekan an der medizinischen Fakultät der Universität von Pittsburgh, die Erfolge dieser Methode bei „psychischem und körperlichem Stress“. Carol Mortimer, Betriebsärztin bei Hewlett-Packard in Großbritannien, schwärmt, die Arbeitsmoral der Mitarbeiter habe sich nach dem Lehrgang „erstaunlich“ verbessert.
Mit Zahlen belegen die Forscher, was Praktizierende nur fühlen können.
Sechs Monate nach dem Training von Mitarbeitern der Firma Motorola zeigten sich die Beschäftigten zufriedener, belegt eine Studie. Sie hatten mehr Spaß an der Arbeit, und die Kommunikation im Unternehmen funktionierte reibungsloser. 20 Prozent der Manager und zehn Prozent der Fabrikarbeiter sagten, sie litten seltener unter Nervosität. Weniger häufig traten auch andere negative Symptome auf wie Spannungen (Manager zwölf Prozent, Fabrikarbeiter 22 Prozent) und Wut (zwölf Prozent/sieben Prozent) oder Angst (sieben Prozent/15 Prozent).
Ähnlich erfolgreich erwiesen sich die Herzintelligenz-Trainings an Schulen, beispielsweise an einer Mittelschule in Palm Springs in Florida. Hier hatten die Kinder mehr Freude am Lernen, zeigten bessere Konzentration und Motivation, mehr Energie und Selbstbewusstsein sowie freundlicheres Verhalten gegenüber Gleichaltrigen und Lehrern (siehe Grafik).